TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

August 1942

Derna, Libyen
Samstag, 08. August 1942

Endlich bin ich wieder zurück in Derna. Der Einsatz, der eigentlich nur zwei Tage andauern sollte, ging für mich erst gestern zu ende und entpuppte sich zu einem regelrechten Debakel. Ich habe nun schon einen Bericht für die Ortskommandantur über die Geschehnisse niedergeschrieben, jetzt folgt die Version für mich selbst.

Wir brachen mit zwei Fahrzeugen auf und folgten einem Verpflegungskonvoi in Richtung Front. Lange Stunden ging es in nächtlicher Fahrt über die berühmtberüchtigte Via Balbia. Für mich war dies die erste größere Fahrt aus Derna hinaus, entsprechend faszinierend war das Ganze für mich. Ich saß zusammen mit Dr. Geyser und Ferdinand Bosch, einem der Sanitäter im ersten Wagen. Rund einhundert Meter hinter uns fuhren im zweiten Sankra Alfred Röttler und Theodor Vakantzer, einem lustigen Österreicher aus der Gegend um Wien. Während der nächtlichen Fahrt im abgedunkelten Wagen begab sich Dr. Geyser für einige Stunden nach hinten und legte sich auf einer der Liegen nieder, um ein paar Stunden zu schlafen.  Ich saß vorne auf dem Beifahrersitz und beobachtete zusammen mit Ferdinand die Straße und den nur als schemenhaften Schatten vor uns fahrenden Lastkraftwagen.

            „Verdächtig ruhig heute Nacht.“ Trotz der Kühle, die hereinkam, ließ Ferdinand das Fenster offen und lauschte ständig nach dem Brummen von Flugzeugmotoren, die den Konvoi angreifen könnten. Man merkte schnell, dass er nicht erst seit gestern in Afrika war. Leider war Ferdinand ansonsten eher wortkarg und so freute ich mich, als sich Dr. Geyser und er sich irgendwann abwechselten und der Doktor das Steuer übernahm. Er war rund vierzig Jahre alt, hatte eine kräftige Statur und war teilweise recht resolut, wenn es um die Behandlung seiner Patienten ging. Als wir neuen Pflegerinnen in den Lazarettbetrieb eingeführt wurden, machte Dr. Geyser gleich klar, dass er von uns vollen Einsatz, Konzentration und Gehorsam verlangte. Zunächst dachte ich mir „Au weia, mit dem als Chef wird es schwierig.“ Jedoch erkannte er auch Fleiß an. Während es im Osten zu dämmern begann, fing Dr. Geyser an zu erzählen, wie er vor gut einem Jahr die Krankenwagenflotte um ein neuseeländisches Modell ergänzt hatte.

            In den rauchenden Überresten eines Schlachtfeldes suchte Dr. Geyser mit seiner Sanitätseinheit nach verwundeten Soldaten. Vielfach war aber keine Hilfe mehr möglich, vor allem dann, wenn ein Panzer Feuer gefangen hatte. Gekämpft hatte man gegen ein neuseeländisches Panzerregiment und irgendwann tauchte zwischen den Trümmern ein Arzt der gegnerischen Seite auf, Dieser ähnliche Absichten wie die deutschen Männer. Einer der verwundeten Soldaten, der sich im Inneren des Krankenwagens befand, wollte trotz seiner Verwundungen zur Waffe greifen und „den Engländer“ erschießen. Dr. Geyser bemerkte dies aber rechtzeitig, nahm ihm  die Waffe weg und herrschte den Mann an, den Unsinn zu lassen. Dann warf er die Pistole achtlos in den Wüstensand. Nach einem kurzen Gespräch einigten sich die beiden Ärzte, zusammen zu arbeiten. Als sie auf einen Trupp deutscher Soldaten trafen, gaben sie den feindlichen Arzt als Kriegsgefangenen aus. Und andersherum, bei den Engländern beziehungsweise Neuseeländern, die hier im Einsatz waren. Am Ende befand man sich hinter den nicht sichtbaren Linien und im für die Deutschen feindlichen Gebiet. Der neuseeländische Arzt drängte im Hinblick auf den Zustand der Verwundeten darauf, möglichst schnell zum eigenen Lazarett zu fahren. Er würde auch für die deutschen Soldaten sorgen. So stiegen Dr. Geyser und seine Leute aus und ließen den Krankenwagen fahren. Im Laufe des nächsten Tages sind sie dann einfach in das feindliche Lazarett marschiert und konnten sich dort überzeugen, dass alle Verwundeten korrekt behandelt werden. Unter Mithilfe eines Feldpfarrers konnte man am Ende neben den eigenen Krankenwagen sogar ein recht modernes neuseeländisches Modell heim bringen.

Irgendwann in der Morgendämmerung verließen wir zusammen mit dem Konvoi die Straße und folgten einer Schotterpiste. Nach gut einer Stunde kam ein Kübelwagen zu uns herangefahren. Der Offizier darin wies auf einen nicht vorhandenen Punkt in der Wüste und teilte Dr. Geyser mit, in jener Richtung läge das Lager, in welchem wir die Verwundeten abholen sollten.

Für gut zwei Stunden war nichts um uns herum außer Sand und Geröll. Kein Baum, kein Strauch und kein Zeichen von irgendwelchem Leben. Dann breitete sich vor uns eine Talsenke aus. Etwas entfernt standen merkwürdig verformte Fahrzeuge, - zerschossene und zum Teil auch ausgebrannte Panzer waren es.

„Das sind welche von uns gewesen.“

Dr. Geyser ließ den fahrenden Ferdinand anhalten, stieg aus und näherte sich einem der Panzer. Nichts regte sich, auch die drei Sanitäter waren nun draußen und inspizierten die anderen Panzer, ob dort noch jemand am Leben war und Hilfe benötigte. Ich stand das erste Mal auf einem Schlachtfeld und blickte mich staunend um. Die gespenstische Ruhe machte mich unruhig. Kein Lufthauch ging, nur dieses Dutzend Panzerwracks und kein Hinweis darauf, wann es hier wohl gekracht hatte.

Bald darauf fuhren wir weiter. Der Wagen mit Alfred und Theodor an Bord fuhr rund einhundert Meter vor uns. Nach nur wenigen Minuten tauchten erneut Fahrzeugwracks auf, es waren drei oder vier Kübelwagen, die zerstört da standen. Dr. Geyser wollte gerade etwas dazu sagen, als es vor uns eine Explosion gab und der vorausfahrende Krankenwagen sich in einen Feuerball verwandelte. Ferdinand stieg in die Eisen und unser Wagen stand. Fassungslos blickten wir durch die Frontscheibe. Ohne etwas zu sagen griff Dr. Geyser nach seiner Arzttasche, öffnete die Tür und stieg aus.

            „Doktor, sind sie verrückt?“ rief Ferdinand, doch Dr. Geyser antwortete nicht, er war keine zwei Schritte weit gegangen. Laut und deutlich war durch die geöffnete Tür ein ‚klick’ zu hören und der Doktor blieb wie angewurzelt stehen.

            „Verflixt, eine Mine.“ stellte Ferdinand fest, „wir stecken in einem Minenfeld.“ Mir lief es kalt den Rücken herunter und ich wagte kaum zu atmen. Dr. Geyser wies Ferdinand an, ihm einen der Ersatzwasserkanister zu reichen, anschließend sollten wir uns jeder ein einen der Überlebensrucksäcke nehmen und dann genau in der Fahrspur zurück zu laufen. Es wurden nicht viele Worte gewechselt und schließlich schob mich Ferdinand durch die hintere Tür aus dem Krankenwagen hinaus.

            „Mach bloß keinen falschen Schritt, Mädel.“ brummte er und erklärte mir dann recht wortkarg, dass Dr. Geyer versuchen wolle, den heruntergedrückten Auslösemechanismus der Mine, auf dem er nun mit einem Fuß stand, durch den Wasserkanister am zünden zu hindern. Mein Einwand, man müsse ihm doch helfen wurde mit einem Hinweis auf die Sprengkraft beiseite gewischt. Ich hatte ja gesehen, was mit dem vorausfahrenden Wagen passiert war. Mit Rucksack auf dem Rücken und geschultertem Gewehr stapfte ich so durch die rechte Reifenspur unseres Krankenwagens und versuchte peinlichst nicht woanders hin zu treten. Wir waren etwa fünfhundert Meter weit gekommen, als es erneut krachte. Ich hatte gehofft, der Doktor würde es irgendwie schaffen, von der Mine herunter zu kommen, doch der Feuerball, der nun aus dem zerstörten Krankenwagen aufstieg machte ziemlich deutlich, dass dort niemand überlebt haben konnte. Entsetzen packte mich und ich wäre fast Hals über Kopf davongerannt, wenn mich Ferdinand nicht an den Schultern gepackt und festgehalten hätte. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, soweit dies möglich war, marschierten wir zunächst zu den Panzerresten, die wir auf der Hinfahrt kurz zuvor inspiziert hatten. Mittlerweile war es recht warm geworden und ich ließ mich im Schatten einer der Panzer auf den Boden sinken.

Ferdinand durchsuchte das Fahrzeug und fand einige unversehrte Wasserflaschen. Somit bestand keine akute Gefahr des Verdurstens. Irgendwann muss ich eingedöst sein. Wach wurde ich durch lautes Rufen und mehrere Schüsse. Ich rappelte mich auf und versuchte, noch nicht ganz da, das Gewehr samt Schultergurt bereit zu machen. Aber der Gurt hatte sich irgendwo verheddert und dann standen plötzlich mehrere feindliche Soldaten mit den Waffen im Anschlag um mich herum und schrieen wild durcheinander. Ehe ich genau wusste, was sie nun eigentlich wollten, stürmten zwei von ihnen auf mich zu und rissen mir das Gewehr aus der Hand, durchsuchten mich flugs nach weiteren Waffen und packten mich dann grob jeder an einem Arm und schleppten mich mit sich. Ganz in der Nähe standen zwei Geländewagen und ein Pritschenwagen mit britischen Hoheitsabzeichen, Engländer also.

Einer der Soldaten lief voraus und erstattete einem scheinbar vorgesetzten Offizier Bericht. Bis zu ihm wurde ich vorangezerrt. Es wurde ein Befehl gegeben und man riss mir den Helm vom Kopf. Einer der Soldaten brachte erstaunt hervor: „A girl.“

Eine zeitlang musterte mich der Offizier, ehe er in recht akzentbehaftetem Deutsch verkündete: „Sie sind Kriegsgefangene der königlich-britischen Armee. Machen sie keine Dummheiten.“

Er deutete auf die ehedem weiße Armbinde mit dem roten Kreuz.

            „Sind sie Arzt?“

Ich wollte antworten, doch mir versagte es die Stimme und ich konnte nur mit dem Kopf schütteln.

Ein weiterer Befehl wurde auf Englisch gegeben und dann verlud man mich auf die Ladefläche des Pritschenwagens. Zusammen mit zwei Soldaten, die offensichtlich meiner Bewachung dienen wollten. Sie setzten sich auf zwei Holzkisten, die an der Rückseite des Führerhauses festgeschraubt waren. Weitere Sitzmöglichkeiten gab es nicht,  so hockte ich mich auf die Ladefläche und vermied den Blick auf die Gewehrläufe, die zweifelsohne Feuer spucken würden, sollte ich versuchen, über die Bordwand zu springen. Doch von irgendwelchen Fluchtgedanken war ich meilenweit entfernt.

Schon ging es los. In toller Fahrt ging es los und mehr als einmal stieß ich mir den Kopf oder sonst etwas irgendwo an, wenn es durch eine Bodenwelle ging und die Federn unter der Ladefläche zu kreischen begannen.

Vor Angst hätte ich mir beinahe in die Hosen gemacht. Tausend Gedanken rasten durch meinen Kopf über das, was mir alles bevorstehen könnte. Aus Erzählungen wusste ich, dass es zumindest auf unserer Seite recht wenig feindliche Kriegsgefangene gab, die man hätte durchfüttern müssen. Sie verschwanden einfach, mit einer Kugel im Kopf im Wüstensand verscharrt. Sollte das mein Ende sein? Verhör und dann Exekution? Auf der Flucht erschossen? Oder gar noch schlimmere Dinge, die wahrlich nur den Soldaten Spaß machen würden und über die niemals gesprochen wurde?

Nun saß ich hier auf einem britischen LKW, gerade achtzehn Jahre alt und malte mir mein Ende aus und mir gefiel dieser Gedanke beileibe nicht, für Führer, Volk und Vaterland in den Tod zu gehen, so wie manch junger Soldat an der Frontlinie, der sich voller Patriotismus ins Feuer wirft.

Nach einer ziemlich langen Fahrt gelangten wir zu einem Feldlager, an dessen Fahnenmast der Union Jack hing. Es waren nicht viel mehr als ein Dutzend Holzhütten. Eine Reihe von Fahrzeugen stand auf einem Parkplatz. Man brachte mich in ein leeres Büro, setzte mich dort auf einen Stuhl und dann hieß es warten. Weiterhin mit zwei Wachen hinter mir.

Nach vielleicht zehn Minuten trat ein Mann ein, der schon allein durch sein Auftreten Autorität ausstrahlte. Er nahm hinter dem Schreibtisch platz, blätterte kurz in irgendwelchen Papieren und fragte mich dann auf Englisch nach meinem Namen und in welcher Einheit ich diene. Ich versuchte ihm mit meinen nicht arg glorreichen Sprachkenntnissen klar zu machen, dass ich lediglich Krankenschwester sei und wir auf dem Weg waren, Verwundete abzuholen. Schlussendlich fragte ich recht kleinlaut, was nun mit mir passieren würde.

            „We will see...“ war die Antwort.

Eine kleine Kammer wurde dann für die nächste Zeit mein zuhause. Es war heiß, es gab keine Toilette und ich fühlte mich schrecklich. Immerhin bekam ich eine Feldflasche voll Wasser und etwas Brot gereicht. An der Wand stand eine Liege, und darauf versuchte ich mich auszuruhen. Meine dünne Uniformjacke hatte ich ausgezogen und als Kopfkissen zusammengerollt. So lag ich da, lauschte den Geräuschen von draußen und wartete ab. Zu Abend erhielt ich erneut eine Flasche Wasser und die Gelegenheit, meine Notdurft zu verrichten. Natürlich nicht alleine und ich habe noch  nichts Erniedrigenderes durchgemacht, als diesen Spatengang vor bewaffneter Eskorte.

Die Nacht kam und es wurde bitterkalt. Zitternd kauerte ich mich auf Bank, die Knie an den Oberkörper gezogen. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Erst, als am nächsten Tag die Sonne aufging und es wieder wärmer wurde, konnte ich ein paar Stunden die Augen schließen. Fünf Tage lang saß ich in dieser Zelle, bekam ab und zu etwas zu trinken und zu essen; zweimal am Tag durfte ich mich erleichtern. Es ist unvorstellbar, wie einsam man sich fühlen kann. Die Soldaten, die mir das Essen brachten, sagten kein Wort. Was mir aber am meisten Unbehagen bereitete war, dass ich keine Gelegenheit hatte, mich zu waschen oder meine Kleidung zu wechseln. Ich bekam eine Ahnung davon, was es hieß, wenn unsere Jungs zwei Wochen Waschverbot haben, weil der Nachschub von Frischwasser nicht kommt.

Am Abend des sechsten Tages seit meiner Gefangennahme kamen statt einem gleich zwei Soldaten und bedeuteten mir, mitzukommen. Zu meinem erstaunen gingen wir zu einem LKW mit beplanter Pritsche. Dieses Mal gab es immerhin hölzerne Bänke zum hinsetzen. Ohne, dass ich wusste wohin, ging die Fahrt auch schon los. Die Sonne war schon hinter dem Horizont verschwunden, und es wurde schlagartig dunkel und auch kühler. Nach nur wenigen Minuten Fahrt hielt der LKW schon wieder an, und der Fahrer schlug die Plane zurück. Ich verstand ihn zwar nicht, aber er deutete auf nach vorne und schien den beiden Wächtern anzubieten, in der beheizbaren Kabine mitzufahren. Einer der zwei deutete mit dem Kolben auf mich und brummte nur, der Fahrer sagte: „Take the girl with you. Can’t you see, she could’nt harm a fly in her condition.“

Die Wahl zwischen einer langen Nacht auf der kalten Pritsche oder in der warmen Kabine war schnell getroffen. Der Fahrer klemmte sich wieder hinter sein Lenkrad, ein Soldat setzte sich zu ihm nach vorne, der andere und nahmen auf der hintern Bank Platz. Ich bekam sogar eine Wolldecke und legte sie um meine Schultern.

Die Fahrt ging die ganze Nacht hindurch, am nächsten Tag kamen wir in eine kleine Ortschaft, die wohl um eine Oase herum entstanden war. Hier gab es mehrere steinerne Häuser, außerhalb aber auch eine ausgedehnte Zeltstadt. Es wimmelte vor britischen Soldaten. Scheinbar wusste man von meinem Transport hierher. In Begleitung zweier bewaffneter Soldaten erwartete mich eine Ärztin. Diese führte mich in ein Gebäude, das scheinbar eine Art Krankenstation war. Der Größe nach erschien es mir allerdings als viel zu klein, um all die Menschen zu versorgen, die in der Umgebung campierten. Die Wachen blieben vor der Tür stehen.

Lächelnd sagte die Ärztin zu mir: „You smells like a skunk. Take off you clothes and take a bath.“ Sie deutete auf einen Waschraum. Dankbar nahm ich das Angebot an, legte meine mittlerweile recht streng riechenden Uniform ab und stellte mich unter die Brause. Als ich mich wieder sauber fühlte und aus der Duschkabine kam, da sah ich, dass statt dem Haufen Schmutzwäsche nun saubere Sachen auf einem Hocker lagen. Auch eine Zahnbürste war dabei. Kurz darauf trat ich in beigefarbener Überfallhose, die man über die Knie hochkrempeln konnte, einem Hemd und bequemen ledernen Schnürschuhen aus dem Bad.

Die Ärztin saß an einem Schreibtisch und blicke auf, als sie mich kommen hörte.

            „Thank you.“ sagte ich unsicher.

Mir wurde ein Platz angeboten und ich erhielt gekühlten Saft.

            „I am Chief Medical Officer Susan Durbright. Your’re free to go in accordance to the threaty of Geneve. But, the next german post is roundabout onehoundred miles away. It coudt be a little bit difficould to get there.”

Als ich diese Worte verstanden hatte, war ich zunächst sprachlos. Ich erinnerte mich daran, dass ich schon von den Genfer Konventionen gehört hatte, nach denen feindliches Sanitätspersonal nicht als Kriegsgefangene galt.


Sonntag, 09. August 1942

So, weiter mit meinem Bericht von gestern.

In dem britischen Lager durfte ich mich relativ freizügig bewegen. Plötzlich wurde ich nicht mehr von bewaffneten Wächtern auf jedem Schritt verfolgt. Die Vorkehrungen zu meiner Rückkehr trafen die Ärztin Dr. Durbright und ein Geistlicher, der die Truppe vor Ort betreute. Man hatte mit den Deutschen einen Gefangenenaustausch arrangiert und mit diesem kam ich nach zwei Tagen Aufenthalt wieder zurück hinter unsere Linien. Hier im Lager war man schon sehr beunruhigt, als die Krankenwagen nicht angekommen waren. Mittlerweile hatte man die Wracks gefunden und auch die Leichen meiner Begleiter. Ich bin die einzige, die zurückgekehrt ist und das stimmt mich ungemein traurig. Obgleich ich mich freuen sollte, noch am Leben zu sein. Sanitätspersonal mit einer Waffe in der Hand macht einen schlechten Eindruck, wenn man von feindlichen Soldaten erwischt wird.

Nach einer ärztlichen Untersuchung und einigen Rapports bei der Standortkommandantur habe ich jetzt noch zwei Tage zum ausruhen, ehe ich wieder in Dienst gestellt werde. Ich werde die Zeit nutzen und Briefe in die Heimat schreiben, an Mama und Vater und an die Elke.


Mittwoch, 12. August 1942

Ab heute bin ich wieder im Lazarett tätig. Der Pilot aus Breslau, Peter Schröder, ist mittlerweile wieder entlassen worden. Irgendwie vermisse ich ihn. Ansonsten ist hier niemand, mit dem ich mich über meine Erlebnisse der letzten Tage hätte unterhalten können.


Sonntag, 30. August 1942

Die Faszination der Wüste hat sich für mich in eine endlose Ödnis gewandelt. Die Tage reihen sich hier aneinander und vergehen alle nach gleichem Schema. Wenn sie denn vergehen, denn ich habe manchmal das Gefühl, die Zeit bleibt hier einfach stehen. Alles wiederholt sich: Die Sonnenaufgänge, die Gesichter der Soldaten, ihre Heldengeschichten, bei denen sie ihre Verwundungen erlitten und selbst die Verletzungen oder Krankheiten sind immer wieder die selben. Aus der Heimat ist noch keine Nachricht zu mir vorgedrungen, ich habe gestern wieder einen langen Brief heim geschickt. Hätte nicht gedacht, dass ich die alle mal so sehr vermissen würde. Meine Eltern, Elke, die beiden Bailac-Geschwister oder die Guschlag-Zwillinge. Mit den anderen Schwestern hier kann ich nicht so richtig warm werden. Sie sind zwar nett, aber irgendwie springt der Funke nicht über.