TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Juni 1943

Pfingstsonntag, 13. Juni 1943

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Heute sollte es eigentlich ein ruhiger schöner Pfingsttag werden. Morgens waren wir im Dom zum Gottesdienst und nach dem Mittag hatten wir uns zu einem Treffen im Eichenpark in Pöpelwitz verabredet. Ich hatte mich mit Elke getroffen und unterwegs holten wir noch den Gerd ab. Zusammen marschierten wir dann zu unserer Bank am Rande der Jahnwiese. Wie immer war Gerd äußerst wortkarg und ich kann mir noch immer nicht vorstellen, wie Elke mit ihm ihre langen tiefgründigen Gespräche führen kann. Auf jeden Fall tut er ihr gut. Ihr zufriedenes Lächeln, wenn er sie im Arm hält. Doch gleichzeitig bedrückt es mir selbst und dann fühle ich mich auch in der Gegenwart meiner Freunde etwas einsam. Kurz nachdem wir an der Bank angekommen waren, sahen wir aus der anderen Richtung Franz und Paul kommen. Gedankenverloren schaute ich den Weg entlang, als mich Elke anstieß und in die andere Richtung deutete.

            „Ist das nicht die Jana?“ fragte sie und zeigte auf eine Radfahrerin. Ich schaute hin und erkannte Jana. Gleichzeitig wunderte ich mich ein wenig über Janas Fahrstil. Sie strampelte sich wie eine Verrückte ab und hätte fast zwei Spaziergänger umgefahren, die ihr im letzten Moment aus dem Weg sprangen. Nahezu im selben Moment, als die Jungs ankamen, erreichte auch Jana die Bank. Ich stand auf, um ihr entgegen zu gehen. Es war offensichtlich, das etwas nicht stimmte. Jana schmiss ihr Rad achtlos in die Büsche und warf sich mir total verheult in die Arme. Sie war völlig außer Atem und ich setzte mich mit ihr zunächst auf die Bank, damit sie sich etwas beruhigen konnte.

            „Wo ist denn die Julia?“ hörte ich Franz fragen.

            „Julia kommt nicht.“ brachte Jana mit bebender, leiser Stimme hervor.

Franz kniete sich vor Jana hin, nahm ihre Hände und fragte ernst: „Was ist mit ihr?“

            „Die Friedrichs sind gestern abgeholt worden...“

            „Abgeholt? Wohin?“ fragte Franz in einem letzten Versuch, das Inferno aus seinen Gedanken zu verbannen, welches sich bei Janas Worten abzeichnete.

            „Sie in ein Konzentrationslager gebracht worden, Franz. Ein Nachbar hat sie verraten.“

Franz stieß einen keuchenden Laut aus, verlor das Gleichgewicht und saß plötzlich auf dem Hosenboden. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Dann rappelte er sich auf und lief Julias Namen schreiend in den Wald. Er stolperte über eine Wurzel, erhob sich wieder und war dann verschwunden. Für uns andere hielt die Schrecksekunde etwas länger an.

            „Oh Gott.“ stammelte Paul und ließ nun ebenfalls auf der Bank nieder. Er und Jana kannten Julia ja schon länger. Aus Jana sprudelte es nun hervor. Der Blockwart Bachmann hatte es ihr erzählt und ließ sich lang und breit darüber aus, dass nun bald auch der letzte Jude aus dem Reiche verschwunden wäre. Aus Lagern wie etwa in Auschwitz käme niemand zurück. Als von der in der Nähe verlaufenden Eisenbahnlinie das Pfeifen einer Lokomotive zu hören war murmelte Jana plötzlich: „Hoffentlich tut sich der Franz nichts an.“

Da wurde mir auf einmal ganz anders und voller Angst, Franz würde eine Dummheit tun, setzte ich ihm nach. Ich irrte durch den Wald und erreichte dann die Trasse, die hier in einem Einschnitt verläuft. Ein Stück weiter sah ich Franz auf dem Gleis stehen. Und auf diesem näherte sich ein langer Güterzug. Der Lokführer ließ die Pfeife erklingen und hat wohl auch die Bremse gezogen, aber es hatte nicht den Anschein, dass der Zug rechtzeitig anhalten würde.

Ich bin dann wie eine Verrückte die Böschung hinunter geschliddert und habe Franz, der mich scheinbar überhaupt nicht bemerkt oder gehört hat, in meinem Sprint über die Gleise mit mir gerissen. Daraufhin verloren sowohl Franz als auch ich das Gleichgewicht. Wir stürzten in den Graben neben dem Schotterbett. Im gleichen Moment donnerte auch schon der Zug vorbei.

Atemlos liegen wir im Gestrüpp und auf einmal ist es wieder ruhig. Franz erhob sich dann und schrie mich an, dies wäre seine Sache. Warum würde ich ihn nicht einfach in Ruhe lassen. Dann marschierte er den Gleisen folgend einfach davon.

Auch ich versuchte nun, wieder aus dem Entwässerungsgraben heraus zu kommen. Dies war nicht ganz so leicht und als ich mich endlich aus Brennnesseln und einigem anderen, teilweise stacheligen Gestrüpp befreit hatte, begann es schon heftigst an den Beinen und Armen zu brennen. Ein knielanger Rock und eine Bluse mit kurzen Ärmeln waren nichts, um sich durch die Natur zu schlagen.

Sauer folgte ich Franz und rief ihm hinterher, dass es nicht länger nur seine Sache wäre, wenn er sich vor einen Zug wirft. Sollte ich  mich dann aus lauter Trauer um ihn vor den übernächsten Zug legen? Dann würde irgendwann keiner mehr von uns übrigbleiben.

Franz schien von diesem Gedankengang nicht viel zu halten und warf mir, ohne anzuhalten oder sich umzudrehen, eine ganze Menge böser Sachen an den Kopf, die ich hier nicht niederschreiben mag. Auch wenn sie unüberlegt und erhitzt von Franz kamen und ich mir einzureden versuchte, dass er es nicht alles so gemeint hätte, so verletzen sie mich doch.

Wortlos trottete ich ihm,  ein paar Schritte  zurückbleibend, hinterher. Arme und Beine juckten wie verrückt und ehrlich gesagt wusste ich auch nicht, was ich ihm hätte entgegen sollen.

Nach einigen Minuten erreichten wir Oder, wo eine Eisenbahnbrücke an das andere Ufer führte. Zur beiden Seiten der Bahn liegt ölverarbeitende Industrie und es zog ein leichter Teergeruch herüber. Einige Meter vom Bahndamm entfernt blieb Franz stehen und blickte über den Strom. Schräg gegenüber Richtung Breslau hin die Kern-Fischer-Wiese. Franz brach sein Schweigen und sprach leise aus, woran auch ich gedacht hatte.

            „Da drüben habe ich sie kennen gelernt.“

Dann sank er zu Boden und begann bitterlich zu weinen. Ich setzte mich neben ihn und hatte keinen blassen Schimmer, was ich jetzt tun sollte. Ihn in den Arm nehmen? Seine Hand halten? Ich legte ihm dann einfach eine Hand auf die Schulter um Franz das Gefühl zu geben, er ist nicht alleine. Nach einer ganzen Weile hatte er sich etwas gefangen und bat mich, ihn allein zu lassen. Ich wollte ihn eigentlich nicht alleine lassen, aber dann stand ich doch auf. An Franz richtete ich jedoch noch die Bitte, keine Dummheit zu begehen, worauf er erwiderte:

„Heute nicht mehr.“

Ich bin dann über den Breslau-Coseler Deich zurück in Richtung Stadt gelaufen, bis ich jedoch daheim war, verging noch einige Zeit. Zurück zu den anderen wollte ich in dem Moment nicht, auch wenn ich mich damit Jana gegenüber wohl nicht ganz korrekt verhalten habe. Sie brauchte sicherlich auch Zuspruch.

Heute Abend kam dann Elke noch für eine Stunde vorbei und ich erzählte ihr von der Episode mit Franz an den Bahngleisen. Elke hatte Jana heim gebracht. Ein Schock war die ganze Sache natürlich für uns alle. Niemand hatte es ausgesprochen, aber es keiner kannte einen jüdischen Menschen, der in eines dieser sogenannten KZs gekommen und später zurückgekehrt war. Die Menschen verschwanden zuhauf und scheinbar ist es für eine erschreckend große Mehrheit völlig normal.

Diese Gleichgültigkeit ist es, die mir mehr und mehr Angst macht.


Freitag, 18. Juni 1943

Die letzte Woche hatte zwar nur vier Werktage, aber trotzdem war ich froh, heute Nachmittag das Werkstor hinter mir zu lassen.

Ich habe mich mit Jana getroffen. Sie berichtete, dass Franz nicht in der Universität aufgetaucht sei und offiziell krank zuhause ist. Wir überlegten, ob wir einfach bei den Reeders daheim vorbei schauen sollten um zu sehen, wie es Franz gehe.

Gesagt, getan. Aber nicht sehr erfolgreich. Franz Mutter öffnete uns die Tür, ließ uns jedoch nicht zu Franz. Dieser hatte sich in seinen Raum verkrochen und wollte niemanden sehen. Wir ließen Grüße ausrichten und zogen unverrichteter Dinge von dannen.