TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

November 1943

Dienstag, 17. November 1943

Momentan liege ich nach einem Unfall mit meinem Fahrrad daheim im Bett. Zudem stellte sich noch heraus, dass das, was ich selber nur als Erkältung abgetan hatte, sich als eine Lungenentzündung entpuppte. Unser Hausarzt hätte mich wohl am liebsten für ein paar Tage in ein Krankenhaus gesteckt, aber für solche Sachen scheint dort in Kriegszeiten kein Platz zu sein. Jetzt liege ich seit bald zwei Wochen im Bett und allmählich geht es mir nicht mehr ganz so dreckig. Ich war so schlapp und müde, dass es schon einer besonderen Kraftanstrengung bedurfte, nur den kurzen Weg zur Toilette zurückzulegen. Heute fühle ich mich immerhin so gut, dass ich ein wenig in diesem Tagebuch schreiben möchte.

Ich fange wohl am besten mit dem Unfall an.  Etwas zu starrsinnig war ich scheinbar, als ich auch noch bei Schneefall darauf bestand, mit dem Rad zur Universität zu fahren. Vor einer Woche jedoch halfen meine Experimente mit dem passenden Reifendruck und einer Menge warmer Kleidung  nicht.

Die Brücke über die Oder hatte ich schon passiert, die Uni in Sichtweite, als ich einen Kantstein unterm Neuschnee übersah und mich äußerst unelegant auf die Schnauze packte, noch einige Meter rutschte und ziemlich zer- und verstreut inmitten einer Gruppe Studenten liegen blieb. Von irgendwo hörte ich Elke laut auflachen und rufen: „Das ist aber nicht gerade die feine Art, Baroness!“  Wie es zu dem Sturz kam, hatte ich gar nicht so schnell realisiert, nur war es mir furchtbar peinlich. Ich versuchte noch meine Hefte und Bücher, die im Schnee lagen, zusammen zu sammeln und wollte zu meinem Fahrrad, welches ein wenig entfernt lag. Doch zog ich mich, eigentlich zog es mich, unfreiwillig ganz anders aus der Sache, mir wurde nämlich schwarz vor Augen und ich ohnmächtig.

Das nächste, was ich halbwegs vernahm, war Elkes Stimme, die ziemlich hysterisch klang: „Sie wird sich doch nichts getan haben? Nun tun sie doch was.“ Eine fremde, männliche Stimme herrschte zurück: „Jetzt seien sie endlich still, oder sie fliegen hier hochkant raus! Auch wenn sie ihre Schwester sind. Normalerweise darf hier niemand hinein!“ Innerlich musste ich über Elkes Abgebrühtheit grinsen, sich als meine Schwester auszugeben. Das war das einzige, was ich gepeilt hatte, noch bevor ich ganz zurück bei Sinnen war. Vorsichtig versuchte ich, die Augen zu öffnen. Ich lag irgendwo. Und es war nicht mehr kalt. Ich starrte eine weiße Decke an, aber ich bekam nicht zusammen, wo ich wohl sei. „Sie wacht auf.“ rief Elke, ich versuchte mich aufzurichten. Schon waren da zwei Hände und drückten mich zurück ins Kissen. „Ganz langsam, junge Dame. Kommen sie erst einmal zu sich.“ Ein Mann, vielleicht dreißig Jahre alt, stand da an meinem Lager. Gleich hinter ihm Elke mit besorgter Miene. Er trug eine hellgrauen Kittel. Ein Arzt, dachte ich. Doch dann versuchte ich ihn näher zu betrachten. Noch einmal wollte ich mich aufrichten. Der Arzt stützte mich und schob mir ein großes Kissen in den Rücken. Jetzt betrachtete ich ihn näher. Die Kutte war weit geschnitten. Nein - ein Arztkittel war das nicht. Um den Hals hatte er eine Kette mit einem Kreuz hängen. „Wo bin ich?“ brachte ich hervor. Auf einem Stuhl sah ich meine ganzen warmen Klamotten liegen.

„Dies ist der Sanitätsraum des Johanneskollegs. Sie hatten vor dem Gebäude einen Unfall. Erinnern sie sich?“ Irgendwie konnte ich es nicht. „Du hast dich mit deinem Fahrrad auf die Schnauze gepackt.“ half Elke mir auf die Sprünge. In meinem Kopf rotierte es. Johanneskolleg; Fahrrad; Unfall? Das war doch gegenüber der Uni. Nur stückchenweise, wie ein Puzzlespiel, bekam ich meine Erinnerung langsam zusammen.

„Bin ich jetzt im Kloster?“ fragte ich erschrocken. Sind sie ein Mönch?“ Elke schien sich über diese Frage zu amüsieren. Der Kerl lächelte. „Im Kloster sind sie nicht. Dieses Haus ist eine Hochschule wie ihre Universität gegenüber. Hier werde geistige, theologische Wissenschaften gelehrt. Auch, wenn es in den letzten Jahren einige Einschränkungen und Restriktionen gab. Und entgegen vielen Gerüchten sind unsere Studenten hier keineswegs nur Novizen oder gar Mönche. - Ich aber habe in der Tat mein Gelübde abgelegt. Ich bin Bruder Matthias.“

„Und den Frauen abgeschworen.“ fügte Elke hinzu.

„Nun, das gehört dazu. Die Kraft und die Ruhe, die andere bei ihren Ehepartnern bekommen, erhalte ich von Gott. Aber halten sie mich nicht für weltfremd. Ich gönne jedem sein persönliches Eheglück, um der Erfahrung der Liebe willen.“

Ich frage, wie lange ich weggetreten war.

„Eine gute halbe Stunde.“ antwortet Matthias, „Sie haben sich wahrscheinlich eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen.“

Ich versuchte mich aufzurichten, da überkamen mich gleichzeitig ein Hustenreiz und ein äußerst schmerzhaftes stechen im Brustkorb. Vor Schmerz aufstöhnend ließ ich mich sofort wieder auf die Liege sinken. Bruder Matthias äußerte den Verdacht, ich könnte mir eine Rippe angeknackst oder gebrochen haben und befahl, still liegen zu bleiben.  Dann nahm er telefonischen Kontakt mit Vater auf und verabredete mit diesem, dass ich mit einer Ambulanz in die Universitätsklinik an der Tiergartenstraße gebracht werde. Elke kam mit und trug meine Sachen. Auf der kurzen Strecke wurde mir plötzlich wieder schwindelig und ich wurde erneut ohnmächtig und ich kam erst wieder zu Bewusstsein, als auch meine Eltern in der Klink angekommen waren. Man machte eine Röntgenaufnahme meiner Brust und es stelle sich heraus, dass tatsächlich eine Rippe gebrochen war. Dies war aber kein Grund, mich länger dazubehalten. Jedoch stellte man auch eine beginnende Lungenentzündung fest, deren weiterer Verlauf noch abzuwarten sei. Hierzu sollte unser Hausarzt konsultiert werden. Doktor Varringer kam auch noch am gleichen Tag. Auf der Rückfahrt in Vaters Wagen meinte dieser zu mir: „Deine neue Schwester hat heute einen ziemlichen Wirbel veranstaltet. Welch ein Glück, sie in Deiner Nähe zu wissen.“

Die Lungenentzündung wurde in den darauffolgenden Tagen schlimmer und schlimmer. Ich lag mit Fieber im Bett, schmerzhafter Husten quälte mich und auch der Rest von mir fühlte sich ziemlich krank an. In jenen Tagen wollte ich niemanden sehen, nichts hören und am liebsten sterben. Meinen Eltern wurde richtig bang und fast jeden Tag kam Doktor Varringer ins Haus.

Anfang letzter Woche kam es dann zum Höhepunkt der Krankheit, oder die „kritische Phase“, so der Doktor. Das Fieber stieg und stieg es fehlte wohl nicht viel, dann hätte mein Körper einfach kapituliert.

Ich bekam zu dieser Zeit schon nicht mehr alles mit, was um mich herum passierte. Dann gab es einen unerwarteten Besuch. Mutter führte eines Tages den Franz in mein Zimmer, bugsierte ihn auf einen Stuhl und schärfte ihm ein: „Nur ein paar Minuten.“

Ich war so schläfrig, dass ich zunächst überhaupt nicht realisierte, wer da an meinem Bett saß. Als mich ein erneuter Hustenanfall durchschüttelte, da war er plötzlich da, reichte mir ein Taschentuch und sprach beruhigend auf mich ein. Ich glaubte zunächst zu träumen.

            „Franz?“ fragte ich ungläubig und er nickte. Ich freute mich wirklich, dass er da war, doch viel sagen konnte ich nicht. Das Sprechen fiel mir schwer mit dem wunden Hals, meine Stimme war heiser und immer wieder ließ mich ein aufkommender Hustenreiz plötzlich innehalten, damit mich kein weiterer schmerzhafter Hustenanfall überkommen würde.

Ich mochte kaum Luft holen, mir war abwechselnd heiß oder ich fror und die Rippe machte sich beim Husten immer wieder bemerkbar. Es war schon erstaunlich, dass Mama Franz auch  nur ein paar Minuten Besuchszeit zugestanden hatte. Sie ließ selbst Elke nicht zu mir. Doch Franz schien sie irgendwie so weit überredet zu haben, ihn doch wenigstens einige Augenblicke an mein Bett zu lassen. – Aus den Augenblicken  wurden Stunden. Als Mama wenig später ins Zimmer kam, um Franz wieder zu verabschieden, da klammerte ich mich an seine Hand und bettelte weinerlich darum, dass er noch bleiben dürfe.

Zumindest wurde mir das so erzählt, daran erinnern kann ich mich nicht. Mit ein paar Tagen Abstand betrachtet überrascht es mich, dass Mama nicht einfach abblockte oder sich auf eine Diskussion einließ. Sie nickte bloß.

Franz kümmerte sich wirklich reizend um mich und ich weiß gar nicht, wie ich ihm dafür danken soll. Er wischte mir mit einem feuchten Tuch den Schweiß von der Stirn, wenn mich ein Fieberschub packte; wenn ich fröstelte, deckte er mich mit weiteren Decken zu, er flößte mir Tee, Hustensaft und sonstige Arzneien ein. Und als ich vor lauter Husten  fast keine Luft mehr bekam, die Tränen über meine Wange liefen, weil es mir so unglaublich mies ging und alles schmerzte, da saß er am Bettrand, nahm mich in den Arm und hielt mich einfach nur fest, bis es wieder besser wurde.

Mein Fieber stieg an jenem Tag in astronomische Höhen. Mit knapp unter 42° hätte wirklich nicht viel gefehlt und ich wäre nie wieder aufgewacht.

Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Immer wieder dämmerte ich einfach weg. Ab und zu erhielt ich eiskalte Wadenwickel, um das Fieber zu senken. Wie mir Franz später erzählte, kam auch Doktor Varringer noch vorbei und meinte leise zu meiner Mutter, in dieser Nacht würde sich alles entscheiden. Dass es mittlerweile Nacht war, merkte ich überhaupt nicht. Woran ich mich aber erinnern kann ist, dass wenn ich dämmerte, ständig jemand meine Hand hielt. Im Unterbewusstsein spürte ich, ich war nicht alleine. Dieser physische Kontakt vermittelte mir die ganze Zeit: Du bist nicht alleine.

Als es am nächsten Morgen dämmerte, da war das Fieber um rund 1,5° gesunken und das Schlimmste überstanden.

Franz hatte sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, um an meiner Seite zu sein. Die Angst um mich hatte aber auch meinen Eltern den Schlaf geraubt. Sie hatten sich in der Nacht abgewechselt, um an meinem Bett zu wachen.

Früh morgens brachte Mama Franz in einem Gästezimmer unter, wo er ein paar Stunden schlafen konnte, ehe er am Mittag heimging.

Seit dieser Nacht geht es nun so langsam wieder aufwärts mit mir. Als Franz das nächste Mal zu Besuch kam, da ging es mir zwar immer noch dreckig, aber zumindest war ich wieder bei wachem Verstand.

Viel reden konnte ich aber nicht, schnell blieb mir die Puste aus oder es stieg ein Hustenreiz auf. So hat zumeist der Franz erzählt und ich einfach nur zugehört. Ich lernte ihn jetzt erst so richtig kennen. Oder zumindest eine ganz andere, ernstere Seite von ihm.

Franz sprach über seine Kindheit und Jugend in Breslau. Über seine Berufswünsche, die Zeit bei der HJ, sein Studium. Er erzählte von dem  Haushaltswarengeschäft seines Vaters, der irgendwo an der Front stand und Franz sprach auch über Julia.

Aber nicht viel, es überkamen ihn seine Erinnerungen und dann saß nur noch traurig da, vergrub das Gesicht in seinen Händen und dann war ich es, die ihm den Arm um die Schultern legte und ihn weinen ließ.

            „Weißt Du“, sagte er schließlich, „ich habe einmal einen Menschen verloren, der mir so sehr am Herzen lag und wäre daran fast zerbrochen. Ich hätte es nicht ertragen können, wenn dies noch einmal geschähe.“


Donnerstag, 25. November 1943

Mittlerweile darf ich wieder aufstehen und ich merke, wie es mir langsam besser geht. Ich stecke schon wieder den Kopf in meine Lehrbücher. Franz kam in den vergangenen Tagen einige Male zu Besuch. Auch Vater hat ihn nun näher kennen gelernt und Franz als adäquat bezeichnet. Ob Franz sich gern so bezeichnet sähe?

Ich bin jetzt auch dahinter gekommen, wie es überhaupt zu Franz Besuch gekommen ist. Elke hatte der Jana von meiner Krankheit erzählt und über sie kam die Nachricht letztendlich bei Franz an, der sich ansonsten noch immer recht zurückgezogen verhielt. Als es mir immer schlimmer ging, da sich Franz irgendwann direkt an Elke gewandt und gefragt, was mit mir los wäre. Das hat ihn wahrscheinlich eine Menge Überwindung gekostet. Ich kann es einfach nicht begreifen, dass sich die beiden so derart unsympathisch sind.