TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

März 1944

Samstag, 11. März 1944

Donnerstag Abend hatte Franz leider keine Zeit, aber dafür sind wir gestern zusammen nach der Uni zu mir gegangen. Mama zwang uns, ihrem Kaffeekränzchen beizuwohnen und eine Tasse mit zu trinken. Franz hat sich wohl mehr für die Torte begeistern können und fand es scheinbar lustig, den gnädigen Damen irgendwelche Märchen vom schweren Studentenleben aufzutischen. Doch scheinbar wurde er so für würdig empfunden, mit am Tisch zu sitzen. Mich hat das Ganze eher gelangweilt und ich konnte mir nur mit Mühe ein Gähnen verkneifen. Ich war einfach geschafft von der vergangenen Woche und bewunderte den Franz ein wenig, wie locker er mit den für ihn fremden Damen herumschäkerte. Er wurde ihnen von Mama als enger Vertrauter ihrer Tochter bekannt gemacht und ich fürchte, dieses wird in der nächsten Zeit quer durch Breslau getratscht werden.

Als wir uns endlich hinauf in mein Zimmer verziehen konnten, war es schon bald sechs Uhr am Abend und ich war ein wenig verstimmt. Den ganzen Tag hatte ich mich auf ein paar Stunden allein mit Franz gefreut und jetzt war der Tag fast vorbei. Erschöpft sank ich auf die Tagesdecke auf meinem Bett und schloss die Augen. Franz erzählte irgendwelche Geschichten über Gudrun und Hermann, doch davon bekam ich kaum etwas mit und schlief ein. Wach wurde ich eine gute Stunde später, als Franz sich über mich beugte und mich sanft an der Schulter berührte. Das Abendessen war fertig.

            „Du bist wunderhübsch, wenn du schläfst.“ murmelte Franz, als ich mich aufrichtete und mir die Augen rieb. Auf meine Frage hin, ob er mich beobachtet hätte, antwortete Franz mit einem knappen „ja“. Daraufhin musste ich grinsen und Franz fügte hinzu: "Wenn Du lächelst, bist Du aber noch hübscher."

Während des Essens war auch Vater anwesend und stocherte recht wortkarg auf seinem Teller umher. Eine bedrückende Stille lag im Raum, das auch Mama mit mancherlei Fragen an Franz nicht lange unterbrechen konnte. Draußen begann es derweil wieder zu schneien und zu stürmen. Es wurde sehr ungemütlich und als Petersen mit einem Aktenordner plötzlich in der Diele stand und berichtete, dass die Straßen spiegelglatt seien, da entschied Mama, dass Franz die Nacht besser im Hause verbringen solle. Sie würde das Gästezimmer anheizen und herrichten lassen. 

Da besserte sich meine Laune gleich wieder. Später saßen Franz und ich dann bei mir im Zimmer auf dem Boden, den warmen Kamin im Rücken und redeten, lachten und schwiegen miteinander. Ich barg mich an Franz, er legte seinen Arm um meine Schulter und so eng zusammen gekuschelt vergaßen wir die Zeit und alles um uns herum.

Heute Mittag ist Franz heim gegangen, am Abend will ich zu Elke und bei ihr über Nacht bleiben bis morgen.


Donnerstag, 16. März 1944

Wir waren heute fast alleine im Haus. Mama fuhrwerkte in der Küche umher und ließ uns in meinem Zimmer in Ruhe.

Franz war vom Sport zu mir gekommen und recht fertig. So machten wir es uns auf meinem Bett gemütlich, lagen zunächst auf dem Rücken und lasen uns gegenseitig Jules Vernes Reise zum Mond vor. Irgendwann war mir das Buch zu schwer und so drehte ich mich auf die Seite und las weiter vor. Franz tat es mir gleich. Den Kopf auf einen Arm gestützt, begann er mit der andern Hand langsam meine Seite zu streicheln. Ich konnte mich kaum noch auf die Wörter vor mir konzentrieren, wollte aber auch um nichts in der Welt Franz von seinem Tun abhalten. Ab und zu ein wohliges Knurren ausstoßend ermutigte ich Franz soweit, dass er es wagte, sich mit den Fingern unter meine Bluse zu tasten. Ganz vorsichtig tasteten sich seine Fingerspitzen über meinen Rücken und zogen mich etwas näher an ihn heran. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Mit einem Mal klappte ich das Buch zu, fasste mit beiden Händen nach Franz’ Gesicht und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Beinahe im gleichen Moment erschrak ich ein wenig über mich und vergrub mein Gesicht im Kissen.

            „O Gott, was hab ich getan?“ oder so was ähnliches muss ich ausgerufen haben. Ich spürte, wie meine Gesichtsfarbe ein kräftiges rot annahm. Als ich wieder aufblickte, es können eigentlich nur ein paar Sekunden gewesen sein, hatte sich Franz aufgerichtet und guckte mich verdattert an. Ich hatte ihn wohl genauso überrascht wie mich selber.

Wir waren beide sprachlos und ehe sich die Situation entspannt hatte, waren Schritte auf der Treppe zu hören.

            „Meine Mutter.“ brachte ich hervor und atmete tief durch, während Franz nach dem Buch griff. Da klopfte es auch schon und die Tür ging auf.

Mama trat kaum einen Schritt ins Zimmer und teilte mit, dass das Essen fertig sei und wir beiden herunterkommen sollten. Schon war sie wieder fort.

            „Lass uns hinuntergehen, ich habe einen Mordsappetit.“ sagte Franz, stand auf und reichte mir die Hand, als ich über das Bett krabbelte und aufstehen wollte.

Nach dem Essen war nicht viel Zeit. Ein Bediensteter Vaters fuhr mit dem Wagen in die Innenstadt und sollte Franz mitnehmen. Nachdem Franz sich von Mama verabschiedet hatte, blieb uns kaum eine Minute, ehe der Angestellte den Kraftwagen aus der Garage geholt hatte.

            „Bis zum nächsten Mal, meine kleine Lerge.“

Dann umfasste mich Franz rasch und nun gab er mir einen Kuss, den ich gern länger erwidert hätte, doch schon rollte das Firmenauto auf uns zu.

Als Franz fort war, hätte ich die ganze Welt vor Glück umarmen können. Dieses Gefühl ist so überwältigend, dass ich gar nicht weiß, was ich machen soll. Schier platzen könnte ich.

Jetzt bin ich total aufgedreht, grinse wie blöde vor mich hin und mein Magen scheint Achterbahn zu fahren. Während ich diese Zeilen niederschreibe, steht der Bilderrahmen mit dem Photo von Franz vor mir und er lächelt mir unentwegt zu.

O Franz, wenn Du wüsstest, wie lieb ich Dich habe...  ©©©


Sonntag, 19. März 1944

Heute ist ein wunderschöner Frühlingstag gewesen, wenn dieser offiziell auch erst Morgen, am 20. beginnt. Franz und ich waren zusammen mit Jana und ihrem Sigi sowie die Gudrun und Elke im Botanischen Garten spazieren. Wie selbstverständlich schlenderten Franz und ich Hand in Hand durch den Park. Es waren keine Worte oder gar Erklärungen nötig, für die anderen war klar: Wir gehörten zusammen. Und ich muss gestehen, es ist ein wahnsinnig befriedigendes Gefühl.

Aufgrund unterschiedlicher Kurse, die zum Teil bis in den Abend gingen, konnten wir uns unter der Woche gar nicht so oft sehen. Es ist nicht einmal sicher zu verabreden, dass man sich zu einer bestimmten Zeit auf dem Campus über den Weg läuft.

Ich habe Franz gefragt, ob wir die Lesestunde des vergangenen Donnerstages fortführen würden,  und er verstand.

Auch am kommenden Donnerstag will er wieder nach dem Sport bei mir vorbeischauen. Meine Vorfreude darauf kann ich gar nicht in Worte fassen. Nur eins ist gewiss: Das Leben ist schön!


Donnerstag, 23. März 1944

Franz war wieder da. Aufgeregt hatte ich den Nachmittag über am Fenster verbracht und ungeduldig gewartet. Als es dann geklingelt hat, war ich jedoch auf der Toilette und Mama hat Franz die Tür geöffnet. Ich kam kurze Zeit später die Treppe herunter und da standen die beiden noch in der Diele und unterhielten sich.

Ein wenig befangen umarmte ich Franz nur schnell und wartete unruhig, bis er endlich hinter mir die Treppe hinauf stieg. Kaum war die Zimmertür zu, gaben wir uns einen herrlichen Begrüßungskuss. Grinsend gestand Franz, dass er sich schon seit Sonntag  wahnsinnig hierauf gefreut hatte. Mir erging es ähnlich.

Heute lasen wir nicht. Bestimmt zwei Stunden lang lagen wir Seite an Seite auf dem Bett, unterhielten uns, gaben uns immer wieder einen zaghaften Kuss und genossen die Nähe des anderen.


Samstag, 25. März 1944

Oh der Franz... Ich blätterte heute durch meinen BDM-Jahreskalender, den ich eigentlich gar nicht hätte bekommen dürfen, und plötzlich fiel mir ein Zettel mit Franz' Handschrift in die Hände. Er hat mir ein paar nette Zeilen gedichtet und scheinbar für mich versteckt:

Ein Lächeln von Dir
zu fangen ist nicht leicht,
schenkst Du's mir
wird mir das Leben leicht.

Sind auch die Zeiten hart,
das Schicksal arg;
weist Dein Lächeln mir den Weg
zur Hoffnung bis zum letzten Tag.

Ich glaube, das wird er nach dem vorletztem Samstag geschrieben haben, als er erwähnte, dass ihm mein Lächeln so sehr gefällt. Er ist schon süss.


Mittwoch, 29. März 1944

Es ist erstaunlich, wie viel man einfach beiseite schiebt, wenn man verliebt ist. Ich schwebe wie auf Wolken durch die Tage, meine Gedanken kreisen nur noch um Franz und alles andere wird nebensächlich. Darüber hat sich heute die Elke beklagt. Zurecht, wie ich zugeben muss. Am Wochenende werden wir zwei mal wieder etwas zusammen unternehmen.

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