TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Juni 1944

Montag, 12. Juni 1944

Der Sommer kommt, es ist in den vergangenen Tagen wärmer und wärmer geworden. Ich hätte gedacht, nach der Zeit in Afrika würde mich nichts mehr so umhauen, doch setzt mir die Hitze ziemlich zu. Die Hörsäle der Uni sind schlecht belüftet und die Luft darin ist zum zerschneiden. So sehr ich den Sommer eigentlich liebe, so unangenehm ist es doch, wenn er zuschlägt. Wenn dann noch viele Leute auf einem Haufen zusammen kommen, möchte ich am liebsten fliehen.

Etwas leiden mit mir muss auch der Franz im Augenblick. Ich kann es nicht vertragen, wenn er mich drückt und umarmt. Dann fühle ich mich plötzlich so bedrängt, dass mir gleich der Schweiß auf der Stirn und sonst wo steht. Er war etwas angesäuert und ehe ich ihn begreiflich machen konnte, was mit mir los ist, ist er schon mit einem „Dann eben nicht.“ abgedampft in seine nächste Vorlesung.


Mittwoch, 14. Juni 1944

Ich habe Franz heute nicht auf dem Campus finden können. Am Mittag habe ich ihm einen kurzen Brief geschrieben und diesen dem Paul mit gegeben. Der müsste Franz eigentlich nachmittags noch treffen. Es kommt mir alles so dumm vor und ich frage mich, was nur los ist. Ein wenig Unterleibsschmerzen kündigen zumindest eine Ursache an, obgleich es nicht die Zeit hierfür wäre.


Donnerstag, 15. Juni 1944

Heute Vormittag zog mich Paul während einer Vorlesung beiseite und gab mir einen Brief von Franz. Schmunzelnd meinte er, er hoffe, nicht mehr lange den Postboten spielen zu müssen.

„Franz leidet wie ein getretener Hund.“ Ich habe den Kopf geschüttelt und antwortete, dass es so nicht weitergehen könne. Während ich den Brief las, bleib Paul ein paar Schritte entfernt stehen und wartete ab. Franz entschuldigte sich für sein etwas schroffes Verhalten. Meine Ablehnung seinen Zuneigungen gegenüber hatten ihn verletzt und unsicher gemacht. Er wisse noch nicht, ob er am Abend nach dem Sport wie sonst immer zu mir kommen würde. Es könne länger werden...

            „Wann siehst du Franz?“ fragte ich Paul und der antwortete, er würde Franz nachmittags beim Sport treffen. Ich schluckte alles hinunter, was mir auf einmal das Herz und die Kehle zuschüren wollte und bat Paul, Franz unbedingt auszurichten, er müsse kommen, ich würde auf ihn warten. Auch, wenn es später würde. Paul versprach es und dann trennten sich unsere Wege. Aber noch ehe meine Nachricht Franz erreichen und ich mir die rechten Worte zurecht legen konnte, sorgte das Schicksal oder auch nur der Zufall dafür, die ganze Sache abzukürzen.

Im nicht gerade überlaufenen Haupteingang lief mir Franz nämlich auf einmal über den Weg. Wir stockten beide und das zögerliche Hallo, mit welchem wir uns begrüßten, wirkte mehr als fehl am Platz.

            „Ich glaub, wir müssen reden.“ sagte er dann und ich nickte. Fünf Minuten später saßen wir statt in der nächsten Vorlesung am Ufer der Oder im Schatten einer Weide. Ich hatte nach Franz Hand gegriffen und dann sprudelte es aus mir heraus. Eine ganze Weile später war ich durch. Verstohlen wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel.

            „So etwas darf nie wieder passieren, hörst du?“ sprach Franz. „Wir müssten uns unbedingt gegenseitig daran erinnern, sollte es je wieder einen Streit oder eine Situation geben, in der einer einfach abhauen könnte. Da muss man sich flugs am Arm des anderen festhalten und sagten: Denk an damals im Juni und lass uns das jetzt klären.“

Ich hoffe, wir halten uns beide dran.


Freitag, 23. Juni 1944  

So langsam habe ich mir nun an die Wärme gewöhnt. Manche Dinge wie Recherchen in der Universitätsbibliothek erledige ich jetzt schon sehr früh am Morgen, wenn es noch einigermaßen erträglich ist. Heute Abend wollen Franz und ich uns mit Jana und deren Sigi am Ohlefreibad treffen. Für mich von Vorteil, dass es von mir daheim kaum zehn Minuten zu Fuß sind. Aber die Hauptinitiative für dieses Bad ging von Franz aus, da er auf gar keinen Fall etwa an der Kern-Fischer-Wiese baden wollte. Überhaupt meidet er Orte, die ihn an die Zeit mit Julia erinnern und ich verstehe ihn. Ich weiß nicht, wie oft er noch an sie denkt. Manchmal plagen mich Gedanken, ich könnte Nutznießerin ihres Todes sein, da ich nun den Franz bekommen habe. Jedoch wäre es zwischen uns wohl nicht so weit gekommen, wie es gekommen ist, wenn Franz bloß etwas Ablenkung gesucht hätte. Manchmal denke ich wohl zu viel nach, glaube ich.

Samstag, 24. Juni 1944  

Der gestrige Abend im Freibad war herrlich. Wir vier hatten viel Spaß zusammen. Sowohl im Wasser als auch auf der Wiese. Obwohl das Wetter geradezu einlud, hierher zu kommen, waren erstaunlich wenig Menschen dort. Manch einer war wohl auch in den weitläufigen Anlagen entlang der beiden Ohlearme verschwunden. Als es langsam dunkel wurde, erstarben die Gespräche nach und nach. Sowohl Jana und Sigi wie auch Franz und ich hatten uns jeweils auf einem großen Laken gebettet und waren nur mehr mit dem Partner beschäftigt. Jetzt, wo die Sonne fort war und es ein wenig abkühlte, eine leichte Briese wehte, da ging es mir besser und da genoss ich es auch wieder, mich eng an den Franz zu kuscheln. Irgendwann verabschiedeten sich Jana und Sigi und machten sich auf den Heimweg. Franz und ich wollten noch bleiben. Wir waren dann scheinbar ganz alleine auf der Wiese, zumindest war von weiteren nächtlichen Badegästen nichts zu bemerken.        

            „Wollen wir noch mal ins Wasser?“ fragte Franz kurz nach dem die zwei fort waren. Ich bejahte und erhob mich. Dann nestelte ich an einem Träger meines Badeanzuges und überlegte laut vor mich hin: „Das Badezeug braucht man jetzt wohl nicht mehr.“ Einen Augenblick blieb es still, dann hörte ich ein Rascheln und Franz sagen: „Du magst Recht haben.“

Im dünnen Lichte des am Horizont verschwindenden Mondes vergnügten wir uns noch einmal im kühlen Nass. Eine ganze Zeit balgten wir herum, bis es mir dann doch irgendwann zu kalt wurde. Als wir Arm in Arm zurück zu unserem Lager gingen spürte ich, dass auch Franz eine Gänsehaut bekommen hatte.

Nachdem wir wieder auf unserem Laken lagen, wurde uns recht schnell warm. Es war, als ob die Dunkelheit eine letzte Schwelle beseitigt hätte. Ganz unverkrampft lagen wir da und streichelten uns gegenseitig, tauschten endlose Küsse aus. Ich gab mich Franz Zärtlichkeiten völlig hin und traute mich gestern auch, ihn überall zu berühren.

Ein wahrer Lusttaumel überkam uns und übertraf alles, was ich bisher erlebt hatte. Später lag ich atemlos auf dem Rücken, blickte in die unendliche Weite und Ferne der Sterne. Ich war sprachlos und konnte schier platzen vor Glück So schliefen wir ein und tauchten erst heute Morgen bei mir daheim auf.

Papa war im Büro, aber Mamas Blick ließ keinen Zweifel an ihrer Laune aufkommen. So vergingen wahrscheinlich heute morgen keine zwei Sekunden in der Küche. Instinktiv hatte ich mich an Franz Arm festgehalten und hätte mich am liebsten hinter ihm versteckt. Mir war vollkommen klar, dass Mama stinksauer war, weil ich über Nacht nicht zuhause war. Franz hatte schneller geschaltet und bevor Mama loslegen konnte, löste er sich von mir und begrüßte sie mit einer für meinen Geschmack viel zu übertriebenen Höflichkeit.

Aber es wirkte und nahm ihr die Luft aus den Segeln. Nur noch halbherzig aufgebracht führte Mama an, dass sie sich Sorgen gemacht hat. Immerhin wäre ich ihr einziges Kind, das noch in der Nähe sei. Mit ernster Miene erwiderte Franz da: „Solange die Nadine mit mir ist, so wird ihr nichts widerfahren. Ich werde auf sie Acht geben wie auf meinen Augapfel, denn ich liebe Nadine und werde niemals zulassen, dass ihr etwas passiert.“

Die verhärteten Züge Mamas wurden da auf einmal weich. Sie schnaufte durch, strich Franz über die Wange und nickte.

            „O ja, das wirst du, da bin ich sicher.“

Dann bugsierte sie uns an den Küchentisch mit der Feststellung, dass wir ja sicherlich noch kein Frühstück gehabt hätten.

Entgegen meiner Befürchtungen kam auch kein Donnerwetter oder eine Standpauke, nachdem Franz gegangen war.